Struktur schaffen, ohne den Charakter zu verlieren – Ein Blick in die Praxis
- Gloria Chan
- Apr 29, 2025
- 2 min read
Updated: Dec 28, 2025
Ein Fundstück mit neuer Aufgabe
Manche Möbel begleiten uns lange, ohne einen festen Platz zu haben. So war es auch mit diesem alten Bauernstuhl – ein persönliches Stück, abgebeizt, reduziert auf seine Substanz. Nicht als nostalgisches Objekt, sondern als Ausgangspunkt für eine neue Funktion. Entscheidend war dabei nicht sein Alter, sondern die Frage: Was kann dieser Stuhl heute für den Raum leisten?

Farbe als Antwort auf den Raum
Die Farbentscheidung entstand nicht isoliert, sondern aus dem Kontext heraus. Der neue Verwendungszweck verlangte nach einer Farbe, die sich in die Küchenzeile einfügt und gleichzeitig Bezug nimmt auf die Schale auf dem Fenstersims dahinter. Sie wurde zum stillen Taktgeber der Farbgebung. So entsteht kein einzelnes Statement, sondern ein Zusammenhang – leise, aber wirksam.

Ein Gegengewicht zur Flucht
Die Küchenzeile erzeugte eine starke visuelle Flucht, die den Raum in die Länge zog und wenig Halt bot. Der Stuhl setzt dieser Bewegung bewusst ein Gegengewicht. Seine breite Holzlehne wirkt flächig, fast wie eine Barriere, ohne den Raum zu blockieren. Sie zentriert den Blick, gibt dem Raum einen Abschluss. Gleichzeitig bleibt der Stuhl praktikabel – ein funktionaler Gewinn für den Alltag in der Küche.
Leichtigkeit trotz Präsenz
Während die Lehne Halt und Ruhe bringt, sorgen die leichten Beine dafür, dass der Stuhl nicht beschwerend wirkt. Sie ziehen den Blick nicht nach unten, sondern lassen die Präsenz dort wirken, wo sie gebraucht wird. So markiert der Stuhl die Fluchtlinie im Raum, ohne sie zu verstärken.
Entscheidend war auch die Staffelung: Der Stuhl reicht über den Fenstersims hinaus und verbindet sich visuell mit der Schale dahinter. Diese Überlagerung schafft räumliche Tiefe und lässt die Elemente miteinander in Beziehung treten – nicht nebeneinander, sondern miteinander gedacht.

Alt mit Haltung, nicht mit Patina
Der Stuhl sollte einen Hauch von Geschichte behalten, ohne alt zu wirken. Kein bewusstes Inszenieren von Patina, sondern ein respektvoller Umgang mit dem Bestehenden. Das Alte darf spürbar sein, aber es ordnet sich der neuen Aufgabe unter.
Am Ende geht es nicht um den Stuhl allein. Es geht darum, dass der Raum nicht mehr wegdriftet, nicht mehr haltlos wirkt. Durch ein gezielt eingesetztes Element entsteht Balance. Der Raum findet eine Mitte – und genau dort beginnt Wohnlichkeit.





